„…das Hintere nicht vor dem Vorderen machen…“

2012, Lam, Deutschland

Beitrag über Andreas Rossbauer und seinem Hof.

Feature about Andreas Rossbauer and his farm,

Es gibt eine Vielzahl an Helden. Helden, die sich in bunten Kostümen verkleiden, die Wände auf und ab laufen und anderweitige übernatürliche Fähigkeiten besitzen. Es gibt Helden, die mit Hilfe ihres Lebens das von anderen Menschen retten und dafür Orden, ein Händeschütteln und Aufmerksamkeit kassieren. Es gibt sogar Helden die zu Helden werden, weil sie für Ihre Taten nicht beachtet werden. Und dann gibt es Helden, die in keine der Kategorien fallen, die einfach nur leben, aber so leben, dass man sagt wow, oder zumindest, dass ist ja Erzählenswert. Heute erzähle ich die Geschichte von so einem Held.

Gesagt wird viel über den jungen Veitbauern. Dass er schon arg jung sei für den Betrieb und den Wald, dass er es eh nicht packen würde. Dass er so sein wolle wie sein Vater, aber das nie hinbekommen würde- auch wenn er wollte. Ansonsten sei er ganz wie er, selbst in Bezug auf Frauen. Das übliche Gerede. Aber um das geht es heute nicht.

Heute geht es um den jungen Waldbauern Andreas Rossbauer der nach dem Tod seines Vaters Wolfgang Rossbauer 2008 den Veitbauern mit 18 Jahren übernommen hat.

Andreas Rossbauer hat breite Schultern, große Hände und einen mächtigen Oberkörper- er ist jemand dem man dass durch die Berge laufen, Bäume fällen, Gras mähen und Schneeräumen ansieht. Betritt er einen Raum, dreht man sich um. Er ist ruhig, jede Bewegung bedacht, nur am Anfang schubst er die Flasche mit Spezi um, aus Versehen. Stellt sie schnell wieder auf den Tisch. Er hat ein jungenhaftes Gesicht, spitzbübisches Lachen. Während er mit mir spricht ist er lustig, fast neckisch, doch wenn er anfängt von sich zu reden, verflüchtigt sich das Spielerische. Eine Ernsthaftigkeit tritt zu Tage, flüssig, wortgewandt und jedes Wort endet mit einem Punkt. Keinem Fragezeichen.

„Mir war klar, dass so etwas kommen muss- über Andere wird auch geredet. Aber manchmal wollte ich denen Eine mitgeben. Ich fraß alles in mich rein. Dachte, denen zeig ich es noch. Das alles machte mich stärker und jetzt bin ich brettlhart. Und denen, die über mich geredet haben, hängt die Fresse runter, weil ich es doch schaffte. Und ich kann lachen.“

Andreas ist mittlerweile 22 und ist alleiniger Eigentümer des Veitbauernhofes, einem Waldbauernhof im Lamer Winkel im Bayerischen Wald, einer Gegend im Südosten von Deutschland an der Grenze zu Tschechien. Seit 4 Jahren um genau zu sein, nachdem sein Vater gestorben ist.

Andreas wächst am Bauernhof auf. Bis sich seine Eltern trennen. Während der Schulzeit lebt er bei seiner Mutter, ist aber die meiste Zeit bei seinem Vater, hilft ihm bei seiner Arbeit. Wenn seine Freunde am Freitag Abend weggehen, bleibt er meistens zu Hause. Er muss ja am nächsten Tag ganz früh in den Wald. Sein Vater drillt ihn, manchmal so sehr, dass Andreas ihn verflucht, sich fragte warum er schon die Arbeit eines Erwachsenen erledigen muss, sich dann schwört es ihm zu zeigen, es besser zu machen. Mit 14 hätte er auf eine weiterführende Schule gehen können, doch er wollte nicht. Stattdessen bleibt er bei seinem Vater und dem Hof. Er weißt, einmal würde er der Nachfolger vom Hof sein. Er lernt Koch, denn der fehle noch, sagt der Vater.

Andreas überlegt. Eigentlich will er Forstwirt werden, doch vielleicht kann er den Forstwirt dran hängen. Das dachte er, damals.

TOD DES VATERS

Sein Vater stirbt am 17. November 2008. „ Er hatte zu der Zeit immer Rückenschmerzen. An diesem Morgen wollte er zur Abschlussuntersuchung. Er hat mich um 6 Uhr morgens aufgeweckt. Er sagte, wenn er zurück komme, würden wir in den Wald gehen.“ Andreas macht alles fertig, tankt den Holzreisser. Es ist 7 Uhr. Andreas Blick heftet sich auf seine Mittelfinger, die er fest gegeneinander drückt. Er ist ein heller Typ. Blonde Haare, helle Haut, seine Backen sind rot. Seine Hände weiß. Jetzt noch weißer. Er geht ins Haus und das Telefon klingelt. Neukirchener Nummer. Es ist der Arzt: ”Andreas, ganz was Schlimmes ist passiert. Dein Vater ist gerade gestorben.” Andreas sagt nichts mehr. Der Arzt fragt, “Hallo? Ist da jemand dran?” Er, ” Was hast du gesagt?“

„Ich hatte Bekannte, wo der Vater gestorben ist. Da dachte man sich auch ‚Das tut mir leid.’ Aber man wird sich nie im vollen Maße vorstellen können wie es wirklich ist. Man kann nicht lachen, nicht weinen. Man steht da als wäre man frisch auf die Welt gekommen.“ Es war ein Herzinfarkt. Andreas muss in den Stall. Der Großvater ist dort, mistete aus. Dann muss er seine Mutter anrufen. Dann wurde auf die Schwester gewartet. „Das Schlimme an dem Ganzen ist. Du musst am gleichen Tag noch den ganzen Scheiß erledigen. Du musst ins Bestattungsinstitut, du musst in die Kirche. Zwei Tage darauf war die Beerdigung und dann ist die ganze Sache gelaufen gewesen. Ja und dann was machst du? Entweder verkraftest du es oder du gehst ein.“

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ZEIT NACH DER UEBERNAHME

Es war schon lange vor dem Tod klar, dass er der Erbe vom Veitbauernhof werden würde. Mit 25 hätte er den Hof bekommen. Er kann alles, muss nur noch nach seinem Vater rufen wenn er ihn braucht. „Aber dann war er weg und von einem Tag auf den anderen konnte ich niemanden mehr fragen. Das war einfach zu früh. Ja, ich hatte meine Mutter, aber die hatte ihre eigene Familie aufgebaut. Im Endeffekt war ich mit Omi und Opi alleine und sonst hatte ich Keinem.“

Andreas wurde zum alleinigen Eigentümer vom Veitbauernhof. Alles musste umgeschrieben werden: Traktoren, Autos, Maschinen, das Haus, der Wald, die Felder. Ebner Brunner, ein Freund seines Vaters und Rechtsanwalt hilft dem jungen Eigentümer. Andreas ist ihm ein Leben lang dafür dankbar. „Ich wusste wie man Geld verdient, aber wie man damit umgeht, das wusste ich nicht.“

Gleichzeitig stehen die Abschlussprüfungen für seine Lehre als Koch an. Es ist ihm egal, dass „die aus der Berufsschule“ denken er würde nicht bestehen. Er geht nicht mehr in die Schule, bringt sich alles selber bei, lernt gleichzeitig für die Jägerprüfung, brauchte er sie doch für die Jagd zuhause. An dem Tag der Gesellenprüfung wartet er auch nicht auf das Ergebnis. „Ich war zuhause gerade am Heueinfahren und Heupressen.“ Man ruft ihn später an. Er besteht die Prüfung.

Es herrscht Stille. Andreas pausiert in seinem Redefluss. Er muss überlegen, entfernt ist seine Erinnerung, von den Monaten danach. Es war Chaos, daran kann er sich erinnern. Er fängt viele Arbeiten an, verwechselt Reihenfolge, Wichtigkeit und vergisst vieles Gelerntes. Er hat kein System. Manches ist ihm auch nicht wichtig, zu viel Vater war noch in seinem Leben. „Irgendwann dachte ich mir. Das geht so nicht. Ich mach das jetzt alles. Auch wenn es dunkel wird.“

Mittlerweile hat er ein System. Im Winter räumt er den Schnee von den Straßen, für die Gemeinde. Vom Frühjahr bis Herbst schneidet er Holz. Im Sommer steht er manchmal schon um 5 Uhr morgens im Wald. Dann geht es mit dem Heuballenpressen weiter. Er arbeitet für andere und für sich. Manchmal kommt er abends heim und muss in die Küche weil ein Bus oder eine Gruppe zum Essen da ist. Aber das mag er, ist ein System wie jedes andere und gestresst wird nicht. Das Wichtige ist: „Man kann das Hintere nicht vor dem Forderen machen.“ Zum Beispiel: Brennholz kann nicht erst im Herbst für den Winter geschnitten werden. Da muss man im Frühling anfangen. Es braucht ja auch Zeit zum trocknen. „Und so musst du bei allen Sachen kalkulieren. Maschinen warten, Bäume schlagen, Heu einfahren, meine Kühe verrichten, Holz spalten, Heu wenden. Dazwischen meldet sich eine Gruppe an, eine Ferienwohnung wird gebucht und es muss einfach laufen“, er tippt sich an seine Stirn. Er hat alles im Kopf.

Wichtig sind in der Zeit die Menschen um ihn herum. Wie seine Mutter, die ihm in der Küche hilft. Im Sommer legt sie ihren Job als Krankengymnastin aufs Eis, um ihn zu unterstützen. Oder seine Freunden Wolfgang und Florian, die das ganze Jahr über mit ihm im Wald sind. Aber vor allem sein Großvater, von dem er sich nichts mehr wünscht, als dass er 100 Jahre alt werden würde. Sein Großvater ist 89, saust mit dem Auto noch jeden Tag in das Dorf, kauft selber ein, geht in die Kirche. Jeden Tag melkt er die Kühe mit der Hand. Das mache fast niemand mehr. Wenn der Großvater nicht da wäre wüsste Andreas gar nicht was er machen sollte, ohne ihn. Jeden morgen kommt sein Großvater, raschelt an der Tür. Dann wacht Andreas auf und er weiß, alles passt. Dann bleibt er noch eine halbe Stunde länger liegen.

Andreas weiß, was er an den Menschen um ihn herum hat. Genauso was er gelernt hat. Von seinem Vater, seiner Strenge, seinem Pflichtbewusstsein. Dass er schon so früh so ran genommen wurde. Es gibt auch keine Müdigkeit oder Lustlosigkeit für ihn. „Das würde mein Vater nicht erlauben. Da wäre er mir schon in die Eisen gestiegen.“

Es gäbe natürlich Tage wo er gar nicht will. Aber dann nimmt er sich frei, geht weg, mit seinen Freunden, lässt es richtig krachen. Dazwischen jägert er oder spielt die Steierische, kommt mit seinem Nachbarn zusammen, machen Musik und haben Spaß- vor allem im Winter- wenn es weniger Arbeit gibt. Am Sonntag gibt es auch den Stammtisch. Da kann er rausgehen und da gehen ihm Neuigkeit auf. Und wenn er nicht weiß was er abends machen soll dann geht er zum Foerster Renso und trinkt eine Halbe. „ Aber ich darf trotzdem meine Arbeit nicht aus dem Auge lassen.“ Ganz am Anfang hat er auch eine Freundin, aber es klappt nicht. Es war um 2 Jahre zu früh, in der heißen Phase, als man alles haben wollte. Es reut ihn ein bisschen, aber als Leben geht weiter.

Es wird düster. Die Sonne verzieht sich hinter den Bergen. Andreas sitzt vor seinem Haus auf einer Holzbank. Er raucht. Mittlerweile schon die Fünfte. Er mache das nur manchmal, ein Gelegenheitsraucher. Von seinem Haus sieht man in das Tal, den Lamer Winkel, seinen Wald. „Viele sagen auch, dass ich es verkaufen und mir ein schönes Leben machen soll, aber die spinnen ja. Der Waldbauernhof war schon immer meine Sache. Das verstehe andere nicht. Sie sind nicht hier aufgewachsen. Es gibt für mich nichts Besseres. Wenn du morgens in den Wald gehst und einen Baum abschneidest und dann gemütlich Pause machst, eine Rauchst oder ein Bier trinkst und die frische Luft einatmest- das ist was Schönes.“

Er geht jeden Tag in den Wald, durchforstet ihn, schneidet nur die kranken Bäume ab und schaut dass nachwuechsige Bäume eine Chance haben zu wachsen. Jeden Tag sucht er sich eine andere Stelle aus. Manchmal verirren sich Touristen zu ihm. Sie fragen dann immer was er hier mache, verstehen nicht warum er sich die Arbeit antue. Er aber sieht den Unterschied, wenn man sich nicht um den Wald kümmert. Es sei wichtig, nicht nur für ihn, sondern für die nächste Generation, für den Lamer Winkel. Er spricht über den Nationalpark, den Borkenkäfer und den Rückgang des Tourismus. Wird laut, energisch. Er hat Angst, denn viel Zukunft hat der Wald nicht und machen könnte er auch nicht mehr als jetzt schon. Das ist seine Meinung.

„Lass uns reingehen.“ Es ist mittlerweile kalt. Meine Beine zittern. Er hatte mich schon einmal vor einer halben Stunde gefragt. Ich verneinte. Jetzt packt er alle Sachen, wartet nicht mehr auf meine Antwort, dreht sich vor der Tür noch um „Brauchst du Hilfe?“

Er ist ein Macher. Sagt seine Mutter. Es gäbe Viele die denken und nichts machen. Andreas denkt, beschließt und handelt. Und alles in einem zackigen Tempo. Seine Mutter Annemarie  kann sich noch an ein Erlebnis erinnern. Ein Gast erzählt von seiner Suche nach dem richtigen Jagdurlaubsort, von den unzähligen Angeboten die er bekommt. Detailgetreu mit Computer geschrieben. Dazwischen Andreas Rossbauers Brief: Ein kariertes Blatt Papier, herausgerissen aus einem Schulblock. Darauf steht mit Hand geschrieben: ‚Sehr geehrter Herr Marx, vielen Dank für Ihr Interesse. Sie können gerne von der Zeit xx bis xx zu uns kommen. Die Nacht beträgt 45 Euro. Sie können innerhalb der Woche eine Wildsau oder ein Rehbock schießen. Kosten 50 Euro. Vielen herzlichen Dank und Gruß, Ihrer Herr Rossbauer.’

Keine Umschweife, kein Interesse sich anzubiedern. Stattdessen geradeheraus, ehrlich. Dem Gast gefiel es. Er wählte Andreas Urlaubsangebot.

Er macht die Lichter in der Küche an. Zeigt auf den kleinen Nebentisch, bietet mir etwas zu trinken an. Er geht kurz in die alte Wirtstube. Mittelbraune Holzleisten kleiden die längliche Stube aus, ein paar Tische stehen im Raum. Vorne die Theke. Nichts hat sich in der Stube verändert, scheint so wie vor 30 Jahren. Nur an der Wand hängen viele Gemälde. Macht er aus Liebe zu seiner Schwester Kathrin, die behindert ist und eine Ausstellung mit ihren Freunden organisiert. Sie seien oft hier, seine Schwester und ihre Freunde. Das freue ihn.

Pläne habe er nicht wirklich. Er habe doch schon alles. Das Einzige was er im Sinn hat wäre ein Waldfest. Nächstes Jahr, wenn die Holzvoltaikanlage fertig ist, in der Scheune, mit Oberkreiner Musik.

Ich bleibe, wir reden. Über die Zukunft von Lam, von schlechten und von guten Gästen, von Trinkgelagen und Weihnachtsfeiern. Von der Schönheit des Waldes und die Gefährlichkeit des Borkenkäfers. Es wird spät. Ich muss nach Hause. Er begleitet mich zu der Tür.

Im Vorraum hängen viele Bilder von seinem Vater. Sein Vater mit Rehböcken über der Schulter, vor sich auf dem Boden. Sein Vater mit Freunden, Gästen, strahlend. Dazwischen ein Hirschgeweih. Ein Großes und viele Kleine. Eine Erinnerungssammlung, von Andreas für seinen Vater.

Am Anfang unseres Gesprächs fragte ich ihn nach Erinnerungen an seinen Vater: „An meinen Vater denke ich jeden Tag. Du stehst morgens auf und da ist die Person nicht mehr da mit der du wie Hund und Katze warst. Jedes Ding, dass ich anfasse und das von ihm ist, erinnert mich an ihm. Einmal hat er den Rehbock geschossen und am nächsten Tag habe ich auch einen geschossen nur einen der grösser war. Das hat ihn schon gemartert. Das sind schöne Erinnerungen.“

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Text/Foto: Evi Lemberger

Publikation: Die Lichtung